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philoro FAKTENCHECK: Gold Verkäufe

Goldverkäufe sorgen für Schlagzeilen – doch steckt dahinter wirklich ein Vertrauensverlust?

31. Mai 2026

Als einige Zentralbanken nach dem Goldpreis-Hoch ihre Reserven teilweise einsetzten, schien die Sache für viele Beobachter klar: Wenn selbst Notenbanken Gold verkaufen, könnte der jahrelange Aufwärtstrend vorbei sein. Doch eine aktuelle Analyse kommt zu einem völlig anderen Schluss. Demnach könnten genau diese Verkäufe den Grundstein für die nächste grosse Goldrally legen.

Im aktuellen philoro TV Faktencheck analysiert Joachim Brandl, warum Goldverkäufe von Zentralbanken nicht zwangsläufig negativ sind, weshalb Liquidität dabei eine entscheidende Rolle spielt und warum Gold für viele Staaten wichtiger werden könnte als je zuvor.

Warum Zentralbanken überhaupt Gold verkaufen

Die jüngsten Verkäufe einzelner Zentralbanken fanden vor allem vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Belastungen und steigender Liquiditätsbedürfnisse statt. Besonders Länder, die von den Folgen hoher Energiepreise oder geopolitischer Spannungen betroffen waren, griffen zeitweise auf ihre Goldreserven zurück.

Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Vertrauensverlust in Gold. Analyst Stephen Innes sieht die Situation jedoch anders. Seiner Einschätzung nach verkaufen Notenbanken Gold nicht deshalb, weil sie dessen Bedeutung anzweifeln, sondern weil Gold genau die Aufgabe erfüllt, für die es gehalten wird: Es lässt sich in Krisenzeiten schnell und zuverlässig zu Liquidität machen.

Gold fungiert damit als eine Art monetäre Versicherung. Wenn andere Reserven unter Druck geraten, bleibt Gold weltweit akzeptiert und sofort einsetzbar.

Die Drei-Phasen-Theorie des Goldmarktes

Innes beschreibt Krisen am Goldmarkt als wiederkehrenden Ablauf in drei Phasen.

Zunächst steigen Renditen und wirtschaftlicher Druck. Staaten und Investoren liquidieren Vermögenswerte, darunter teilweise auch Goldbestände. In dieser Phase gerät der Goldpreis häufig unter Druck.

Anschliessend folgt eine Übergangsphase, in der sich die wirtschaftlichen Auswirkungen entfalten und der Markt auf neue Signale wartet. Genau in dieser Phase sieht Innes den Goldmarkt derzeit.

Erst in der dritten Phase beginnt die eigentliche Goldbewegung. Sobald Zentralbanken wieder zu einer lockereren Geldpolitik übergehen, sinkende Zinsen oder zusätzliche Liquidität ins System bringen, profitiert Gold häufig besonders stark. Dann kehren viele Marktteilnehmer zu Edelmetallen zurück.

Goldverkäufe stärken langfristig das Vertrauen

Die eigentliche Kernaussage der Analyse lautet: Wer Gold in einer Krise erfolgreich nutzen kann, gewinnt Vertrauen in dessen Funktion.

Länder, die ihre Goldreserven eingesetzt haben, haben gleichzeitig erfahren, wie wertvoll eine liquide und systemunabhängige Reserve sein kann. Diese Erfahrung könnte dazu führen, dass Gold künftig sogar eine noch wichtigere Rolle in den Reserveportfolios vieler Staaten spielt.

Laut Innes lernen Zentralbanken in Krisenzeiten besonders deutlich, wo ihre Abhängigkeiten liegen. Genau diese Erfahrungen prägen langfristige Entscheidungen – und könnten die Goldnachfrage der Notenbanken weiter erhöhen.

Die Nachfrage der Zentralbanken bleibt hoch

Die aktuellen Zahlen des World Gold Council sprechen eine deutliche Sprache. Im ersten Quartal 2026 kauften Zentralbanken weltweit rund 244 Tonnen Gold. Das entspricht einem Anstieg von etwa drei Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Trotz einzelner Verkäufe bleibt Gold damit ein zentraler Bestandteil staatlicher Reservestrategien. Für viele Länder geht es längst nicht mehr nur um Inflationsschutz oder Rendite, sondern um geopolitische Unabhängigkeit, Diversifikation und finanzielle Stabilität.

Die langfristige Nachfragebasis bleibt damit weiterhin intakt.

Auch Privatanleger greifen auf Edelmetallreserven zurück

Nicht nur Zentralbanken nutzen Gold und Silber als Reserve. Auch bei privaten Anlegern zeigt sich ein ähnliches Verhalten.

Die britische Royal Mint meldete für das erste Quartal 2026 einen aussergewöhnlichen Anstieg der Edelmetallnachfrage. Die Verkäufe von Goldprodukten stiegen gegenüber dem Vorjahr um 94 Prozent. Noch deutlicher fiel die Entwicklung bei Silber aus: Hier lagen die Verkäufe rund elfmal höher als im Vorjahreszeitraum.

Gleichzeitig nahm auch die Zahl jener Anleger stark zu, die ihre Edelmetallbestände wieder zu Geld machten. Besonders bei Silber verzeichnete die Royal Mint einen sprunghaften Anstieg der Rückverkäufe.

Die Entwicklung zeigt: Edelmetalle werden sowohl als Vermögensschutz als auch als Liquiditätsreserve genutzt – genau jene Doppelfunktion, die Gold seit Jahrhunderten auszeichnet.

Müssen die USA irgendwann ihr Gold verkaufen?

Eine spannende Frage betrifft die Vereinigten Staaten. Könnte Washington eines Tages gezwungen sein, auf seine Goldreserven zurückzugreifen?

Nach Ansicht vieler Experten ist ein direkter Verkauf derzeit eher unwahrscheinlich. Die USA halten offiziell die grössten Goldreserven der Welt und würden durch grössere Verkäufe möglicherweise ein Signal der Schwäche senden – insbesondere gegenüber geopolitischen Konkurrenten wie China, die ihre Goldbestände in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut haben.

Sollten die USA jedoch zusätzlichen finanziellen Spielraum benötigen, gäbe es eine alternative Möglichkeit: die Neubewertung ihrer Goldreserven.

Die Billionen-Chance durch eine Neubewertung

Ein wenig bekannter Umstand sorgt regelmässig für Diskussionen: In den Bilanzen der USA wird das staatliche Gold noch immer mit einem historischen Preis von 42,22 US-Dollar pro Unze geführt – ein Wert aus den 1970er-Jahren.

Würde das Gold stattdessen zum aktuellen Marktpreis bewertet, würde sich der bilanzielle Wert der amerikanischen Goldreserven schlagartig von rund 11 Milliarden auf weit über eine Billion US-Dollar erhöhen.

Die USA müssten dafür keine einzige Unze verkaufen. Allein die Neubewertung könnte enorme bilanzielle Effekte erzeugen und die Bedeutung von Gold als strategischem Vermögenswert zusätzlich unterstreichen.

Fazit: Goldverkäufe könnten den nächsten Bullenmarkt vorbereiten

Die jüngsten Goldverkäufe einzelner Zentralbanken müssen nicht zwangsläufig als negatives Signal interpretiert werden. Im Gegenteil: Sie zeigen, dass Gold seine Rolle als liquide und verlässliche Reserve erfüllt.

Während einige Staaten kurzfristig auf ihre Bestände zurückgreifen, bleibt die langfristige Nachfrage hoch. Zentralbanken kaufen weiterhin Gold, Privatanleger setzen verstärkt auf Edelmetalle und geopolitische Unsicherheiten stärken die strategische Bedeutung von Reserven ausserhalb des klassischen Finanzsystems.

Aus dieser Perspektive betrachtet könnten die jüngsten Verkäufe weniger das Ende eines Trends markieren – sondern vielmehr den Auftakt für dessen nächste Phase.