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philoro FAKTENCHECK: Goldschmuck

Warum Schmuck verliert und Anlagegold gewinnt.

23. September 2026

In China schliessen Goldschmuckläden, grosse Ketten sperren Filialen zu und die Schmucknachfrage bricht ein. Auf den ersten Blick klingt das nach einer schlechten Nachricht für Gold. Tatsächlich passiert aber etwas ganz anderes: Es wird nicht unbedingt weniger Gold gekauft – sondern anderes Gold.

Im neuen FAKTENCHECK von philoro TV geht es um einen grundlegenden Wandel am Edelmetallmarkt. In China, Indien und weltweit verlagert sich die Nachfrage zunehmend von Schmuck hin zu Barren, Münzen, ETFs und digitalem Gold. Und beim Silber könnte gerade ein ähnlicher Wechsel beginnen.

China kauft weniger Schmuck – aber nicht weniger Gold

Die Zahlen der China Gold Association zeigen ein überraschendes Bild. Im ersten Halbjahr kauften die Chinesen insgesamt 511 Tonnen Gold – damit blieb die Gesamtnachfrage sogar leicht über dem Vorjahr.

Doch die Zusammensetzung hat sich deutlich verändert. Die Schmucknachfrage fiel auf 132 Tonnen und damit um fast 34 Prozent. Gleichzeitig stieg die Nachfrage nach Barren und Münzen auf 339 Tonnen – ein Plus von gut 28 Prozent. Damit wurde in China rund zweieinhalb Mal so viel Gold in Form von Barren und Münzen gekauft wie als Schmuck. Die entscheidende Entwicklung lautet also: Gold verliert nicht an Bedeutung. Es verändert seine Funktion – weg vom Schmuckstück, hin zum Vermögenswert.

Weniger Hochzeiten, weniger Goldschmuck

Ein Teil der Erklärung ist überraschend einfach. Im ersten Halbjahr ist die Zahl der Eheschliessungen in China um rund 7,5 Prozent gesunken. Hochzeiten gehören traditionell zu den wichtigsten Anlässen für den Kauf von Goldschmuck. Wenn weniger Paare heiraten, werden auch weniger Ketten, Armreifen und andere Schmuckstücke gekauft. Doch die schwächere Schmucknachfrage erklärt nur einen Teil der Entwicklung. Gleichzeitig greifen immer mehr Menschen direkt zu Anlagegold.

Derselbe Trend zeigt sich weltweit

China ist kein Einzelfall. Auch die Zahlen des World Gold Council zeigen eine Verschiebung innerhalb der Goldnachfrage. Im zweiten Quartal sank die weltweite Schmucknachfrage auf 278 Tonnen. Das entspricht einem Rückgang von 17 Prozent und dem niedrigsten Quartalswert seit der Pandemie. Bei Barren und Münzen zeigt sich das gegenteilige Bild. Über das erste Halbjahr gerechnet lag die Nachfrage 21 Prozent über dem Vorjahresniveau.

Besonders bemerkenswert: Die gesamte Goldnachfrage blieb mengenmässig nahezu unverändert. In US-Dollar gerechnet erreichte sie im ersten Halbjahr sogar einen Rekordwert von rund 380 Milliarden US-Dollar. Gold wird also weiterhin gekauft – nur zunehmend mit einem anderen Zweck.

Indien zeigt den Wandel besonders deutlich

Auch in Indien lässt sich diese Entwicklung beobachten. Die Goldimporte gingen im August um 58 Prozent zurück. Gleichzeitig stiegen die Zuflüsse in indische Gold-ETFs um 67 Prozent, während sich die Käufe von digitalem Gold gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelten.

Und selbst beim klassischen Schmuck verändert sich das Kaufverhalten: Wenn Gold teurer wird, greifen Käufer zunehmend zu leichteren Stücken. Die Nachfrage verschwindet also nicht vollständig. Sie passt sich an.

Auch Silber verändert seine Rolle

Beim Silber zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. Das Edelmetall ist gleichzeitig ein wichtiger Industrierohstoff. Es wird unter anderem für Solarzellen, Elektroautos, Medizintechnik und zahlreiche elektronische Anwendungen benötigt. Seit Längerem versucht die Industrie deshalb, Silber sparsamer einzusetzen oder – wo möglich – durch andere Materialien zu ersetzen.

Neu ist allerdings, was parallel dazu passiert: Während die industrielle Nachfrage unter Druck geraten könnte, steigt das Interesse von Anlegern. Ein besonders deutliches Beispiel liefert erneut Indien. Im selben Monat, in dem die Goldimporte um 58 Prozent sanken, stiegen die Silberimporte um 127 Prozent. Wenn Gold für manche Käufer zu teuer wird, kann Silber zur Alternative werden – und dabei stehen zunehmend Münzen und andere Anlageprodukte im Vordergrund.

Zwei Banken, zwei völlig unterschiedliche Silber-Prognosen

Wie entscheidend dieser Wandel für den Silberpreis sein könnte, zeigt ein Blick auf zwei grosse US-Banken. J.P. Morgan hat seine Silberprognose im August deutlich gesenkt. Für das laufende Jahr wurde die Erwartung von rund 84 auf 70 US-Dollar im Jahresdurchschnitt reduziert, für das Schlussquartal auf 63 US-Dollar. Auch für 2027 fiel die Prognose von 86 auf 64 US-Dollar. Der Grund: Die Bank erwartet, dass die Solarindustrie heuer rund 30 Prozent weniger Silber benötigt. Das entspräche etwa 60 Millionen Unzen Nachfrage, die wegfallen könnten.

Citigroup kommt im selben Zeitraum zum gegenteiligen Ergebnis. Die Bank erwartet 75 US-Dollar auf kurze Sicht und 90 US-Dollar innerhalb von sechs bis zwölf Monaten. Der entscheidende Unterschied: Citi setzt ausdrücklich nicht auf die Industrie, sondern auf die Anleger.

Industrie bremst – Anleger beschleunigen

Genau darin liegt einer der wichtigsten Punkte des Videos. Industrielle Nachfrage und Anlagenachfrage reagieren völlig unterschiedlich auf steigende Preise. Wird Silber oder Gold für Hersteller zu teuer, versuchen sie weniger davon zu verwenden, Ersatzstoffe zu finden oder Produkte leichter zu machen. Dasselbe gilt für Schmuck: Wird Gold teurer, werden Ketten dünner oder Käufe aufgeschoben. Industrie- und Schmucknachfrage besitzen also eine natürliche Bremse.

Bei Anlegern kann genau das Gegenteil passieren. Steigt der Preis, kann das zusätzliches Interesse auslösen. Höhere Kurse werden dann als Bestätigung eines Trends wahrgenommen und ziehen weitere Käufer an. Damit verändert sich auch das Verhalten des Marktes. Preise können schneller steigen – aber ebenso schneller wieder fallen.

China kauft weiter Gold – nur anders

Beim Goldmarkt entsteht dadurch ein scheinbarer Widerspruch. Seit Jahren verschiebt sich der physische Goldmarkt stärker nach Asien. Shanghai und Hongkong haben an Bedeutung gewonnen, China baut eigene Handels- und Clearingstrukturen auf und grosse Mengen Gold fliessen weiterhin in das Land. Allein im Juli betrug der Nettozufluss nach China laut Video 118 Tonnen.

Beim Preis zeigte sich zuletzt allerdings ein anderes Bild. Anfang September war Gold in Shanghai zeitweise rund 38 US-Dollar je Unze günstiger als in Europa. Normalerweise notiert China eher mit einem Aufschlag, weil dort mehr Gold nachgefragt wird, als unmittelbar verfügbar ist. Das deutet darauf hin, dass sich nicht der physische Goldfluss umkehrt – sondern die Preisbildung verändert.

Ungewöhnlich schwache Nachfrage in Shanghai

Ein wichtiger Indikator dafür sind die Auslieferung an der Shanghai Gold Exchange. In China läuft ein grosser Teil des physischen Goldhandels über diese Börse. Schmuckhersteller, Banken und Händler beziehen dort ihr Metall. Im August wurden lediglich 62 Tonnen ausgeliefert. Das waren 27 Prozent weniger als im Vorjahr.

Besonders auffällig ist der Zeitpunkt. Normalerweise deckt sich die Branche im August für die Schmuckmessen im September, die Goldene Woche ab 1. Oktober und die Hochzeitssaison im Herbst ein. Der World Gold Council bezeichnet den Rückgang deshalb als ungewöhnlich für die Jahreszeit. Während private Schmuckkäufer zurückhaltender werden, setzt die chinesische Zentralbank ihre Käufe jedoch fort.

Die Zentralbank kauft, die Schmuckkunden nicht

Die People’s Bank of China kaufte im August rund 20 Tonnen Gold – der stärkste Monatszuwachs seit Oktober 2023. Damit ergibt sich ein interessantes Bild: Die klassische chinesische Schmucknachfrage verliert an Kraft, gleichzeitig kauft der Staat weiter Gold und private Anleger greifen stärker zu Barren, Münzen und anderen Anlageformen.

Das Metall fliesst also weiterhin nach Asien. Verändert hat sich vor allem, wer es kauft – und warum. China entwickelt sich zunehmend von einem Markt, auf dem Gold als Schmuck konsumiert wird, zu einem Markt, in dem Gold als Vermögensmarkt gehalten wird.

Wo entsteht der Goldpreis?

Diese Verschiebung wirkt sich auch auf die internationale Preisbildung aus. Wenn chinesische Schmuckkäufer nicht mehr bereit sind, immer höhere Preise zu bezahlen, entsteht der nächste Preisschub dort, wo Anleger bereit sind, zu höheren Kursen einzusteigen. Zuletzt war das zunehmend im Westen der Fall.

Damit ändern sich die Rollen am Goldmarkt: Das physische Metall wandert weiterhin stark in Richtung Asien, während kurzfristige Preisimpulse wieder stärker aus westlichen Märkten kommen können. Das ist kein Widerspruch, sondern zeigt, wie komplex der globale Goldhandel geworden ist.

Die Gold-Silber-Ratio liefert ein weiteres Signal

Beim Silber befindet sich die Verschiebung von industrieller Verarbeitung hin zur Geldanlage noch in einer früheren Phase. Einen interessanten Hinweis liefert dabei die Gold-Silber-Ratio. Sie zeigt, wie viele Unzen Silber benötigt werden, um eine Unze Gold zu kaufen. Das Silver Institute untersuchte dafür Daten von 1970 bis Mai dieses Jahres. Das Ergebnis: Langfristig bewegte sich die Ratio immer wieder in Richtung eines statistischen Mittelwerts von rund 59,65.

Zum Zeitpunkt des Videos liegt sie bei etwa 65. Silber ist im Verhältnis zu Gold also noch vergleichsweise günstig. Würde sich die Ration wieder ihrem langfristigen Durchschnitt annähern und der Goldpreis gleichzeitig unverändert bleiben, entspräche das rechnerisch einem Aufholpotenzial von rund neun Prozent für Silber. Wann oder ob eine solche Anpassung stattfindet, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.

Fazit: Gold verschwindet nicht – seine Funktion verändert sich

Der Einbruch bei Goldschmuck ist nicht automatisch ein Zeichen für sinkendes Interesse an Gold. Im Gegenteil: China zeigt besonders deutlich, dass sich die Nachfrage verschiebt. Weniger Gold wird gekauft, um es zu tragen. Mehr Gold wird gekauft, um es zu besitzen.

Dasselbe könnte beim Silber passieren. Während Industrieunternehmen versuchen, den Materialeinsatz zu reduzieren, entdecken Anleger das Edelmetall stärker als Alternative zu Gold.

Genau dieser Wandel könnte die Märkte künftig deutlich verändern. Denn Schmuck und Industrie bremsen ihre Nachfrage bei hohen Preisen. Anleger tun das nicht unbedingt – manchmal bewirken steigende Preise sogar das Gegenteil.