Die Midterms in den USA könnten die politische Machtverteilung in Washington deutlich verändern. Für den Goldmarkt ist dabei aber weniger entscheidend, welche Partei am Ende mehr Sitze gewinnt. Viel wichtiger ist, was die neue politische Konstellation für Staatsausgaben, Zölle, den Iran-Konflikt, künstliche Intelligenz und letztlich für den US-Dollar bedeutet.
Im neuen FAKTENCHECK von philoro TV geht es deshalb nicht um Wahlkampf, sondern um die wirtschaftlichen Folgen der Midterms: Welche Szenarien könnten Gold unterstützen – und welche Entwicklungen könnten dem Edelmetall Gegenwind bringen?
Warum die Midterms für die Märkte wichtig sind
Zur Hälfte der Amtszeit des US-Präsidenten wird das gesamte Repräsentantenhaus und ein Teil des Senats neu gewählt.
Historisch hatten diese Wahlen für die Partei des amtierenden Präsidenten häufig unangenehme Folgen. In 20 der vergangenen 22 Midtermwahlen verlor sie Sitze im Repräsentantenhaus.
Diese historische Entwicklung ist keine Garantie für das aktuelle Ergebnis. Sie zeigt aber, warum die Midterms regelmässig als wichtiger politischer Wendepunkt gelten.
Sollten sich die Mehrheiten im Kongress verändern, könnte sich auch die wirtschaftspolitische Handlungsfähigkeit des Präsidenten deutlich verändern.
Und genau das ist für Gold relevant.
Gold reagiert nicht auf die Wahl – sondern auf ihre Folgen
Der Goldpreis bewegt sich in der Regel nicht nachhaltig nur deshalb, weil eine Wahl stattfindet.
Entscheidend ist, was danach passiert.
Verändern sich Staatsausgaben, Handelsbeziehungen, geopolitische Risiken oder die Erwartungen an Inflation und Zinsen, kann das Auswirkungen auf den Dollar und damit auch auf Gold haben.
Das World Gold Council sieht laut Video vier Bereiche, die nach den Midterms besonders wichtig werden könnten.
1. Finanzpolitik und Staatsdefizit
Sollte der Kongress stärker von den Demokraten kontrolliert werden, könnten neue Mehrheiten bestimmte Ausgabenpläne der Regierung blockieren.
Ein niedrigeres Defizit könnte grundsätzlich das Vertrauen in die US-Finanzen stärken und damit auch den Dollar unterstützen. Ein stärkerer Dollar gilt häufig als Belastung für Gold.
Gleichzeitig könnte politische Blockade aber auch dazu führen, dass wichtige Entscheidungen überhaupt nicht mehr zustande kommen.
Hinzu kommt die Handelspolitik. Sollten Zölle reduziert oder eingeschränkt werden, könnten sich auch die Staatseinnahmen verändern.
Damit entsteht kein eindeutiges Szenario: Ein niedrigeres Defizit wäre eher positiv für den Dollar und damit tendenziell negativ für Gold. Bleiben Defizite dagegen hoch, könnte das Gold langfristig unterstützen.
2. Der Iran-Konflikt und der Ölpreis
Auch die US-Aussenpolitik könnte sich nach den Midterms verändern.
Ein Kongress mit anderen Mehrheiten könnte versuchen, den Handlungsspielraum des Präsidenten im Iran-Konflikt einzuschränken – etwa über die Finanzierung.
Für Gold wäre dabei vor allem entscheidend, wie sich eine mögliche Deeskalation auf den Ölpreis auswirkt.
Sinkende Ölpreise können den Inflationsdruck reduzieren. Weniger Inflation gibt der US-Notenbank Fed mehr Spielraum bei den Zinsen. Und genau dieser Weg – Öl, Inflation, Zinsen – kann schliesslich auch den Goldpreis beeinflussen.
Die geopolitische Entwicklung wirkt damit nicht unmittelbar auf Gold, sondern oft über mehrere wirtschaftliche Zwischenschritte.
3. Künstliche Intelligenz und Aktienmarkt
Ein weiterer möglicher Konfliktpunkt ist die Regulierung künstlicher Intelligenz.
Sollte ein neuer Kongress den Ausbau der KI-Infrastruktur stärker regulieren oder bremsen, könnte das besonders jene Unternehmen treffen, die in den vergangenen Jahren zu den wichtigsten Treibern des US-Aktienmarktes gehörten.
Schwächere Kurse bei grossen Technologie- und KI-Unternehmen könnten wiederum den gesamten Aktienmarkt belasten.
In solchen Phasen suchen Anleger häufig stärker nach Diversifikation und sicheren Häfen. Davon könnte auch Gold profitieren.
4. Ein möglicher Machtkampf in Washington
Besonders relevant könnte ein politischer Stillstand werden.
Wenn Präsident und Kongress unterschiedlichen politischen Lagern angehören, könnten Gesetzesvorhaben häufiger blockiert werden. Der Präsident könnte dann verstärkt versuchen, über Executive Orders oder Notfallregelungen zu handeln.
Das könnte politische und juristische Auseinandersetzungen verstärken.
Aus Sicht des World Gold Council würde eine solche Entwicklung vor allem eines schaffen: Unsicherheit.
Und genau diese Unsicherheit kann das Vertrauen in politische Institutionen und möglicherweise auch in den US-Dollar belasten – ein Umfeld, das Gold grundsätzlich unterstützen kann.
Was passiert bei einem Sieg der Republikaner?
Natürlich ist auch ein anderes Szenario möglich.
Sollten die Republikaner ihre Position im Kongress behaupten oder sogar ausbauen, würde sich die politische Linie des Präsidenten eher verfestigen.
Dann könnten bestehende Schwerpunkte in der Handels-, Aussen- und Wirtschaftspolitik weitergeführt oder sogar verstärkt werden.
Für den Goldpreis wäre auch hier nicht das Wahlergebnis selbst entscheidend, sondern die Folgen daraus: Wie entwickelt sich die Inflation? Was passiert mit den Energiepreisen? Wie reagiert der Dollar? Und welche Entscheidungen trifft die Fed?
Ein republikanischer Erfolg wäre deshalb nicht automatisch positiv oder negativ für Gold.
Kurzfristige Reaktion oder langfristiger Trend?
Rund um grosse politische Ereignisse reagieren die Märkte häufig sehr schnell.
Solche Bewegungen können aber täuschen.
Ein Kursanstieg oder Rückgang unmittelbar nach der Wahl sagt noch wenig darüber aus, welchen langfristigen Einfluss die neue politische Konstellation tatsächlich haben wird.
Erst wenn sich zeigt, welche Gesetze beschlossen werden, wie sich Handels- und Außenpolitik verändern und welche wirtschaftlichen Folgen daraus entstehen, lässt sich die Bedeutung für Gold besser einschätzen.
Für Anleger ist deshalb der Blick über den Wahltag hinaus entscheidend.
Was frühere Midterms zeigen
Ein historischer Blick liefert zumindest ein interessantes Muster.
Laut den im Video genannten Daten verlor Gold im Vorfeld der vergangenen beiden Midterms zunächst an Wert. In den Monaten nach den Wahlen stieg der Preis anschliessend wieder.
Daraus lässt sich keine verlässliche Prognose ableiten.
Es zeigt aber, dass politische Unsicherheit vor der Wahl und die wirtschaftliche Realität danach zwei sehr unterschiedliche Marktphasen sein können.
Analysten bleiben bei Gold optimistisch
Trotz der jüngsten Schwankungen bleiben mehrere grosse Finanzhäuser laut Video grundsätzlich positiv für Gold.
Goldman Sachs erwartet bis zum Jahresende weiterhin einen Goldpreis von rund 4'900 US-Dollar.
Wells Fargo hält bis zu 5'100 US-Dollar für möglich.
J.P. Morgan ist vorsichtiger, rechnet aber ebenfalls mit einem höheren Goldpreis und sieht rund 4'500 US-Dollar zum Jahresende.
Solche Prognosen sind keine Garantie. Sie zeigen jedoch, dass viele Marktbeobachter die langfristigen Argumente für Gold trotz politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit weiterhin für intakt halten.
Sind die grössten Risiken bereits eingepreist?
Auch von anderer Seite gibt es vorsichtigen Optimismus.
Auf mining.com.au wird laut Video die Einschätzung vertreten, dass ein grosser Teil der derzeitigen Risiken bereits im Goldpreis berücksichtigt sein könnte.
Dazu gehören insbesondere die hohe Inflation und die daraus resultierenden höheren Zinsen.
Sollten sich diese Belastungsfaktoren abschwächen, könnte Gold wieder stärker profitieren.
Ob das tatsächlich passiert, hängt aber weniger von den Midterms selbst als von den wirtschaftlichen Entscheidungen danach ab.
«It’s the Economy»
Am Ende läuft vieles auf einen bekannten Satz aus dem US-Wahlkampf von 1992 hinaus: «It’s the economy, stupid.»
Gemeint war damals, dass die persönliche wirtschaftliche Situation für Wähler oft entscheidender ist als viele andere politische Themen.
Für Gold gilt im Grunde dasselbe.
Nicht das Wahlergebnis allein bewegt den Preis, sondern die wirtschaftlichen Konsequenzen daraus: Staatsausgaben, Defizite, Inflation, Energiepreise, Zinsen und vor allem die Entwicklung des US-Dollars.
Die Midterms können dafür die politische Richtung vorgeben. Welche wirtschaftlichen Folgen daraus entstehen, zeigt sich aber erst in den Monaten danach.
Fazit: Entscheidend ist, was nach der Wahl passiert
Die US-Midterms können die politischen Mehrheiten in Washington verändern und damit auch die Wirtschaftspolitik der kommenden zwei Jahre prägen.
Für Gold gibt es dabei kein einfaches Szenario nach dem Muster «Diese Partei gewinnt, also steigt der Preis».
Ein stärkerer Dollar könnte Gold belasten. Höhere Defizite, politische Unsicherheit, ein schwächerer Aktienmarkt oder neue geopolitische Risiken könnten das Edelmetall dagegen unterstützen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wer die Midterms gewinnt – sondern welche wirtschaftlichen Konsequenzen die neuen Mehrheiten haben.