Gold im Wert von Milliarden liegt seit Jahren in London fest. Gleichzeitig gelangt neues venezolanisches Gold in die USA – und bleibt dort ebenfalls liegen. Nicht, weil niemand Gold haben will, sondern weil Eigentum, Herkunft und politische Kontrolle ungeklärt sind.
Im neuen FAKTENCHECK von philoro TV geht es um die aussergewöhnliche Geschichte der venezolanischen Goldreserven: von Hugo Chávez’ Rückholaktion über den jahrelangen Streit mit der Bank of England bis hin zu einem neuen Plan für New York. Und um Rohgold im Wert von rund 100 Millionen US-Dollar, das zwar in den USA angekommen ist, von internationalen Scheideanstalten aber bislang nicht verarbeitet wird.
Als Venezuela sein Gold nach Hause holte
Die Geschichte beginnt im Jahr 2011. Damals liess Venezuelas Präsident Hugo Chávez einen grossen Teil der Goldreserven seines Landes aus dem Ausland zurückholen. Bis Ende Jänner 2012 kamen rund 160 Tonnen Gold nach Caracas. Chávez begründete diesen Schritt mit der Überzeugung, dass das Gold Venezuelas im eigenen Land und nicht in den Tresoren westlicher Staaten liegen sollte.
Doch nicht alle Reserven wurden zurückgebracht. Ein Teil blieb unter anderem bei der Bank of England in London – und genau dieses Gold sollte Jahre später zum Mittelpunkt eines internationalen Rechtsstreits werden.
Maduro will an das Gold in London
Im Jänner 2019 versuchte die Regierung von Nicolás Maduro, venezolanisches Gold im Wert von rund 1,2 Milliarden US-Dollar aus London abzuziehen. Die Bank of England verweigerte jedoch die Herausgabe. Der Hintergrund war politisch: Grossbritannien erkannte Maduro damals nicht als rechtmässigen Präsidenten Venezuelas an, sondern den Oppositionspolitiker Juan Guaidó.
Damit entstand eine ungewöhnliche Situation. Zwei konkurrierende Führungen der venezolanischen Zentralbank beanspruchten gleichzeitig das Recht, über dieselben Reserven zu verfügen.
Im Dezember 2021 entschied schliesslich der britische Supreme Court, dass für die Bank of England entscheidend sei, welche venezolanische Regierung Grossbritannien offiziell anerkennt. Das Gold blieb in London.
Gold besitzen heisst nicht automatisch darauf zugreifen können
Der Fall Venezuela zeigt eine zentrale Besonderheit staatlicher Goldreserven: Eigentum allein garantiert noch keinen unmittelbaren Zugriff. Das Metall kann sicher in einem ausländischen Tresor liegen – und trotzdem aufgrund politischer oder rechtlicher Konflikte blockiert sein.
Genau diese Frage beschäftigt inzwischen auch andere Zentralbanken. Erst zuletzt haben die Niederlande einen Teil ihrer Goldreserven aus New York und Ottawa nach London verlagert. Für Notenbanken wird damit nicht nur wichtig, wie viel Gold sie besitzen, sondern auch, wo es liegt und unter welchen Bedingungen sie darauf zugreifen können.
Venezuelas Goldreserven schrumpfen
Während das Gold in London blockiert blieb, gingen die venezolanischen Reserven im eigenen Land deutlich zurück. Unter der Regierung Maduro verschärften sich Wirtschaftskrise und internationale Sanktionen. Venezuela nutzte deshalb immer wieder seine Goldreserven, um an Devisen oder benötigte Güter zu kommen.
Allein 2018 wurden laut Skript mehr als 70 Tonnen Gold in die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate geliefert. 2020 ging venezolanisches Gold in den Iran – im Austausch gegen Ausrüstung für Ölraffinerien. Ende 2025 wies Venezuelas Zentralbank laut Reuters nur noch rund 47 Tonnen Gold aus.
Zum Vergleich: Chávez hatte allein im Zuge seiner Rückholaktion rund 160 Tonnen ins Land bringen lassen. Damit sind die rund 31 Tonnen, die weiterhin in London lagern, zu einem erheblichen Teil der verbliebenen venezolanischen Goldreserven geworden.
Ein neuer Plan für das Gold in London
2026 änderte sich die politische Lage Venezuelas grundlegend. Nach dem Sturz Nicolás Maduros übernahm seine bisherige Stellvertreterin Delcy Rodríguez als Übergangspräsidentin. Im Juni trafen zwei schwere Erdbeben das Land. Mehr als 6'500 Menschen kamen laut Skript ums Leben, Venezuela benötigte dringend finanzielle Mittel für den Wiederaufbau. Regierung und Opposition fanden daraufhin einen gemeinsamen Nenner: Das Gold in London sollte freigegeben werden. Ein Mitte September bekannt gewordener Plan sieht allerdings nicht vor, das Gold nach Caracas zurückzubringen. Stattdessen soll es bei der Federal Reserve in New York gelagert werden.
Gold als Sicherheit für den Wiederaufbau
Nach dem diskutierten Modell würde die venezolanische Übergangsregierung zwar rechtlich über das Gold verfügen können, es zunächst aber nicht verkaufen. Stattdessen soll es als Sicherheit für Kredite dienen. Die daraus gewonnenen Mittel sollen über vom US-Finanzministerium beaufsichtigte Konten fliessen und zweckgebunden für Wohnungen, Krankenhäuser und Schulen in den Erdbebengebieten eingesetzt werden.
Damit ergibt sich eine bemerkenswerte historische Wendung: Chávez holte Venezuelas Gold einst aus westlichen Tresoren zurück, weil er ihnen misstraute. Rund 15 Jahre später könnte ein wichtiger Teil der verbliebenen Reserven ausgerechnet nach New York gelangen – unter amerikanischer Aufsicht.
Zum Zeitpunkt des Videos ist dieser Plan allerdings noch nicht endgültig umgesetzt. Die Bank of England wartet weiterhin auf eine gerichtliche Klärung, welche venezolanische Stelle rechtsgültige Anweisungen erteilen darf.
Venezuela besitzt noch viel mehr Gold – im Boden
Neben seinen offiziellen Reserven verfügt Venezuela über bedeutende Goldvorkommen. Nach dem politischen Umbruch lockerten die USA ihre Sanktionen rasch. Am 6. März erlaubte das US-Finanzministerium den Import von venezolanischem Gold wieder. Kurz darauf reiste US-Innenminister Doug Burgum nach Caracas, begleitet von Vertretern der Bergbau- und Ölindustrie.
Der Schweizer Rohstoffhändler Trafigura schloss daraufhin einen Vorauszahlungsvertrag mit Minerven, dem staatlichen venezolanischen Goldunternehmen. Vereinbart wurde die Lieferung von bis zu einer Tonne Rohgold. Laut New York Times war innerhalb kurzer Zeit Gold im Wert von rund 100 Millionen US-Dollar auf dem Weg in die Vereinigten Staaten.
Gold in den USA – aber niemand verarbeitet es
Die Lieferung erreichte die USA. Doch danach passierte offenbar erst einmal wenig. Ende September berichtete die New York Times, dass das venezolanische Rohgold noch immer in amerikanischen Lagerhäusern liegt. Auch Monate nach der ersten Lieferung sei es nicht weiterverkauft oder verarbeitet worden. Der Grund: Internationale Scheideanstalten wollen das Gold bislang nicht raffinieren.
Für sie reicht es nicht aus, dass das Metall physisch vorhanden ist oder dass sein Import politisch erlaubt wurde. Sie müssen auch nachweisen können, dass es internationalen Standards für verantwortungsvolle Beschaffung entspricht. Und genau das ist bei venezolanischem Gold schwierig.
Warum die Herkunft so wichtig ist
Scheideanstalten müssen nachvollziehen können, woher Gold stammt und unter welchen Bedingungen es gefördert wurde. Dabei geht es unter anderem darum auszuschliessen, dass der Goldabbau kriminelle Gruppen finanziert, mit Korruption verbunden ist oder gravierende Umwelt- und Menschenrechtsprobleme verursacht. Im Süden Venezuelas, insbesondere rund um die Goldstadt El Callao, ist diese Kontrolle schwierig. Dort sind laut Bericht auch kriminelle Gruppen aktiv.
Bergleute berichteten der New York Times, dass kleinere Schürfer teilweise einen erheblichen Anteil ihres Goldes als Schutzgeld abgeben müssen. Dieses Gold kann anschliessend gemeinsam mit legal gefördertem Metall eingeschmolzen werden. Sobald unterschiedliche Quellen vermischt werden, wird ein sauberer Herkunftsnachweis besonders schwierig.
Trafigura versucht das Risiko zu begrenzen
Trafigura kauft laut Skript ausschliesslich Gold aus zwei Minen des staatlichen Unternehmens Minerven, die vom Militär bewacht werden. Das Unternehmen erklärt, bisher keine Hinweise auf kriminellen Einfluss festgestellt zu haben. Allerdings begannen die Lieferungen bereits, bevor unabhängige Prüfer die betreffenden Minen vor Ort inspiziert hatten.
Genau darin liegt das Problem: Politische Genehmigungen und staatliche Verträge reichen im internationalen Goldhandel nicht automatisch aus. Ohne glaubwürdige und unabhängige Nachweise zur Herkunft kann das Metall für grosse Scheideanstalten praktisch unverkäuflich werden.
Warum Herkunft heute fast so wichtig ist wie Reinheit
Früher standen beim Goldhandel vor allem Gewicht und Reinheit im Vordergrund. Heute kommt ein dritter Faktor hinzu: die nachvollziehbare Herkunft. Ein Goldbarren kann chemisch vollkommen einwandfrei sein und trotzdem Schwierigkeiten am internationalen Markt verursachen, wenn seine Lieferkette nicht überprüfbar ist. Das lässt sich mit einem Auto ohne Papiere vergleichen: Es kann technisch einwandfrei funktionieren. Doch ohne klare Dokumentation wird der Weiterverkauf schwierig. Genau das zeigt der venezolanische Fall besonders deutlich.
Mehr Unternehmen interessieren sich für Venezuela
Trafigura ist nicht der einzige internationale Akteur, der wieder Interesse an venezolanischen Rohstoffen zeigt. Auch der Rohstoffhändler Mercuria und ein Investor aus New York beschäftigen sich laut Video mit möglichen Geschäften in Venezuela. Das potenzielle Volumen wird auf bis zu 2,2 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt.
Damit wird die Herkunftsfrage künftig noch wichtiger. Wenn grössere Mengen venezolanischen Goldes auf internationale Märkte kommen sollen, müssen Lieferketten transparent und überprüfbar werden. Politische Unterstützung allein reicht dafür nicht.
Fazit: Gold braucht mehr als einen Besitzer
Die Geschichte des venezolanischen Goldes zeigt zwei Seiten desselben Problems. In London liegt Gold, dessen Eigentümer aufgrund eines politischen und rechtlichen Streits jahrelang nicht darauf zugreifen konnte. In den USA liegt Rohgold, das zwar importiert werden durfte, aber wegen ungeklärter Herkunft kaum weiterverarbeitet werden kann. In beiden Fällen ist das Metall physisch vorhanden. Und trotzdem bleibt es blockiert. Das macht deutlich: Im modernen Goldhandel zählen nicht nur Gewicht, Reinheit und Preis. Entscheidend sind auch Eigentumsrechte, Zugriff und eine nachvollziehbare Herkunft.