Zentralbanken kaufen weiter Gold, Gold-ETFs melden Rekordbestände und auch die Nachfrage aus Indien zieht wieder an. Trotzdem ist der Goldpreis Ende Oktober zeitweise unter die Marke von 4'000 US-Dollar gefallen. Wie passt das zusammen?
Im neuen FAKTENCHECK von philoro TV geht es genau um diese Frage: Wer kauft derzeit Gold – und wer verkauft? Die Antwort führt vom physischen Goldmarkt zu Hedgefonds, Terminbörsen und sogenannten Margin Calls. Und sie zeigt, warum ein fallender Goldpreis nicht automatisch bedeutet, dass die langfristige Nachfrage verschwunden ist.
Gold fällt unter 4'000 US-Dollar
Am 23. Oktober rutschte der Goldpreis zeitweise unter die Marke von 4'000 US-Dollar. Das Wochentief lag bei rund 3'975 US-Dollar und damit so niedrig wie seit Anfang Juni nicht mehr. Auf Wochensicht verlor Gold etwa vier Prozent.
Besonders interessant ist der Vergleich mit dem Vorjahr: Am 27. Oktober 2025 lag Gold ebenfalls bei rund 4'000 US-Dollar. Nach einer ausgesprochen bewegten Zeit befindet sich der Preis damit ungefähr dort, wo er bereits ein Jahr zuvor stand. Doch hinter dieser Momentaufnahme verbergen sich sehr unterschiedliche Entwicklungen. Denn während einige Markteilnehmer verkaufen, kaufen andere weiter kräftig zu.
Die grossen Goldkäufer sind weiterhin aktiv
Ein Blick auf die Gold-ETFs zeigt zunächst wenig von einer nachlassenden Nachfrage. Laut den im Video genannten Zahlen des World Gold Council kauften Gold-ETFs allein im September rund 67 Tonnen Gold hinzu – obwohl der Goldpreis in diesem Monat gefallen war. Ihre gesamten Bestände stiegen damit auf 4'256 Tonnen und erreichten einen neuen Höchststand. Im gesamten dritten Quartal flossen rund 31 Milliarden US-Dollar in diese Fonds.
Auch die chinesische Zentralbank kaufte weiter. Im September kamen offiziell 23 Tonnen Gold hinzu – der grösste monatliche Zuwachs seit Oktober 2023. Der gemeldete chinesische Goldbestand liegt damit bei rund 2'410 Tonnen.
Auch Indien kehrt zurück
Ein weiterer grosser Goldmarkt zeigt ebenfalls wieder mehr Nachfrage: Indien. Im September mussten Händler dort noch hohe Abschläge auf den offiziellen Goldpreis gewähren, weil die Nachfrage schwach war. Mitte Oktober war dieser Rabatt bereits deutlich kleiner geworden.
Das passt zum saisonalen Muster. Im Herbst beginnt in Indien die wichtige Fest- und Hochzeitssaison. Rund um Dhanteras und Diwali gilt Gold traditionell als besonders beliebter Kauf. Anschliessend folgt die Hochzeitssaison, in der Goldschmuck sowohl für die Braut als auch als Geschenk der Familien eine wichtige Rolle spielt. Händler beginnen deshalb frühzeitig, ihre Lager aufzufüllen.
ETFs kaufen, Zentralbanken kaufen und die Nachfrage aus Indien zieht an. Warum fällt Gold also trotzdem?
Die Verkäufer sitzen am Terminmarkt
Eine wichtige Antwort liefert der Terminmarkt in New York. Die US-Aufsichtsbehörde CFTC veröffentliche regelmässig Daten darüber, wie sich grosse Marktteilnehmer bei Gold-Futures positionieren. Dabei geht es nicht um den direkten Kauf oder Verkauf physischer Barren, sondern um Kontrakte auf die künftige Preisentwicklung.
Ende August hielten Hedgefonds und andere spekulative Marktteilnehmer Positionen auf steigende Goldpreise, die umgerechnet rund 470 Tonnen Gold entsprachen. Bis zum 20. Oktober sank dieser Wert auf rund 324 Tonnen.
Innerhalb weniger Wochen wurden damit Positionen im Umfang von rund 146 Tonnen abgebaut. Das Metall wurde nicht physisch aus Tresoren geholt. Die Verkäufe am Terminmarkt können den Goldpreis dennoch unmittelbar beeinflussen.
Langfristige Käufer treffen auf kurzfristige Trader
Genau hier liegt der entscheidende Unterschied. Zentralbanken, ETFs oder private Goldkäufer erwerben Gold häufig mit einem langfristigen Anlagehorizont. Sie wollen das Metall halten. Spekulative Marktteilnehmer handeln dagegen deutlich kurzfristiger. Sie steigen ein, wenn sie steigende Preise erwarten, und ziehen sich wieder zurück, wenn sich Marktbedingungen oder Trends verändern.
Aktuell treffen damit zwei Gruppen aufeinander: langfristige Käufer mit weiterhin solider Nachfrage und kurzfristige Marktteilnehmer, die Positionen reduzieren. Der sichtbare Goldpreis entsteht aus dem Zusammenspiel beider Seiten.
Gold wird zum «Bankomaten» der Finanzmärkte
Besonders deutlich zeigte sich dieser Mechanismus am 22. Oktober. An diesem Tag fiel Gold um fast drei Prozent – obwohl gleichzeitig der US-Dollar schwächer wurde und die Anleiherenditen zurückgingen. Normalerweise wären beide Entwicklungen eher unterstützend für Gold.
Parallel kam es jedoch zu deutlichen Verlusten bei Technologie- und KI-Aktien, an asiatischen Börsen sowie bei Kryptowährungen. Und genau hier kommen sogenannte Margin Calls ins Spiel.
Was ist ein Margin Call?
Viele professionelle und spekulative Anleger handeln mit geliehenem Geld und nutzen einen Hebel. Wer beispielsweise mit einem fünffachen Hebel investiert, erlebt Kursbewegungen deutlich verstärkt. Fällt die jeweilige Position um vier Prozent, kann das bezogen auf das eigene eingesetzte Kapital einen wesentlich größeren Verlust bedeuten.
Sinkt der Wert der hinterlegten Sicherheiten zu stark, verlangt der Broker zusätzliches Kapital. Das ist ein Margin Call. Die betroffenen Anleger müssen dann sehr schnell Liquidität beschaffen. Und dafür verkaufen sie nicht unbedingt jene Vermögenswerte, die gerade besonders stark gefallen sind.
Warum Anleger dann ausgerechnet Gold verkaufen
Wenn Aktien oder Kryptowährungen bereits stark im Minus stehen, wollen viele Anleger diese Positionen nicht zusätzlich auflösen. Stattdessen verkaufen sie Vermögenswerte, die liquide sind, problemlos gehandelt werden können und möglicherweise noch Gewinne aufweisen.
Gold erfüllt genau diese Voraussetzungen. Im Video wird es deshalb mit einem Bankomaten verglichen: Wer dringend Bargeld benötigt, nutzt das Konto, bei dem das Geld sofort verfügbar ist. Nicht, weil mit diesem Konto etwas nicht stimmt – sondern gerade, weil es funktioniert. Gold kann in solchen Phasen deshalb fallen, obwohl Anleger grundsätzlich weiterhin Vertrauen in das Edelmetall haben.
Liquiditätsdruck statt Vertrauensverlust?
Mehrere Marktbeobachter interpretieren die jüngste Bewegung deshalb als liquiditätsgetrieben. Der Unterschied ist wichtig. Wird Gold verkauft, weil Investoren nicht mehr an das Edelmetall glauben, verändert sich die fundamentale Geschichte. Wird Gold dagegen verkauft, weil Marktteilnehmer Bargeld benötigen, bleibt diese fundamentale Ausgangslage weitgehend bestehen. Die Verkäufe sagen dann mehr über die finanzielle Situation spekulativer Anleger aus als über Gold selbst.
Warum gerade 4'000 US-Dollar so wichtig sind
Die Marke von 4'000 US-Dollar hat keine besondere wirtschaftliche oder mathematische Bedeutung. Psychologisch ist sie dennoch wichtig.
Trader orientieren sich häufig an runden Kursmarken. Rund um solche Niveaus sammeln sich Kauf- und Verkaufsaufträge – darunter sogenannte Stop-Loss-Orders. Eine Stop-Loss-Order verkauft automatisch, wenn ein bestimmter Kurs unterschritten wird. Damit sollen Verluste begrenzt werden.
Wenn viele dieser Verkaufsaufträge knapp unter derselben Marke liegen, kann ein erstes Unterschreiten eine Kettenreaktion auslösen: Verkäufe werden automatisch aktiviert, der Preis fällt weiter und löst dadurch weitere Orders aus.
Weniger Handel verstärkt die Schwankungen
Zusätzlich ist das Handelsvolumen laut Video derzeit vergleichsweise niedrig. Aktuell werden rund 129'000 Kontrakte pro Tag gehandelt, während es in früheren Phasen mehr als 400'000 waren. In einem Markt mit geringerem Handelsvolumen können einzelne grössere Transaktionen stärkere Kursbewegungen auslösen. Auch deshalb kann die Marke von 4'000 US-Dollar derzeit heftiger umkämpft wirken, als es ihre fundamentale Bedeutung eigentlich rechtfertigt.
Die 4'000-Dollar-Marke hat schon einmal gehalten
Neu ist dieses Kursniveau nicht. Bereits Ende Juli fiel Gold bis auf rund 3'976 US-Dollar. Anschliessend setzte eine deutliche Erholung ein. Ob sich dieses Muster wiederholt, lässt sich daraus nicht ableiten. Es zeigt aber, dass ein kurzfristiger Rutsch unter 4'000 US-Dollar noch keine Aussage darüber erlaubt, wohin sich Gold langfristig entwickeln wird. Ole Hansen, Rohstoffstratege der Saxo Bank, beschreibt die aktuelle Situation als einen Kampf zwischen kurzfristigen Tradern und langfristig orientierten Anlegern.
Profis und Privatanleger sehen den Markt unterschiedlich
Wie gespalten die Stimmung ist, zeigt auch eine Umfrage von Kitco News. Unter den befragten Marktprofis erwarten nur 24 Prozent kurzfristig steigende Goldpreise, während 41 Prozent mit weiteren Rückgängen rechnen.
Bei Privatanlegern ist das Verhältnis nahezu umgekehrt: 42 Prozent erwarten steigende und 26 Prozent fallende Kurse. Auch hier zeigt sich: Der Goldmarkt wird derzeit sehr unterschiedlich interpretiert – abhängig davon, welcher Zeithorizont betrachtet wird.
Öl, Inflation und Zinsen bleiben ein Risiko
Neben den kurzfristigen Verkäufen gibt es weiterhin makroökonomischen Gegenwind. Hohe Ölpreise können die Inflation anheizen. Bleibt die Inflation erhöht, hat die US-Notenbank Fed weniger Spielraum für Zinssenkungen und könnte ihre Geldpolitik länger restriktiv halten.
Höhere Zinsen und Anleiherenditen gelten grundsätzlich als Belastung für Gold, weil das Edelmetall selbst keine laufenden Zinsen abwirft. Damit bleibt die Entwicklung von Inflation und Geldpolitik ein wichtiger Faktor für die kommenden Monate.
Drei Punkte zur Einordnung
Der aktuelle Rückgang lässt sich vor allem durch drei Entwicklungen einordnen:
Verkauft wird derzeit vor allem kurzfristig orientiertes Kapital. Gleichzeitig bleiben viele strategische Käufer aktiv – darunter ETFs, Zentralbanken und private Käufer in Asien.
Wie lange der Verkaufsdruck anhält, lässt sich nicht verlässlich vorhersagen. Solange Marktteilnehmer an anderen Stellen Liquidität benötigen, kann Gold weiterhin verkauft werden. Irgendwann sind solche Positionen allerdings abgebaut.
Die Marke von 4'000 US-Dollar ist vor allem für Trader wichtig. Ein Unterschreiten dieser Schwelle verändert nicht automatisch die langfristigen Gründe, aus denen Gold gehalten wird.
Fazit: Nicht jeder Goldverkauf bedeutet Zweifel an Gold
Dass Gold fällt, obwohl gleichzeitig grosse Mengen gekauft werden, ist kein Widerspruch. Unterschiedliche Marktteilnehmer handeln aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichen Zeithorizonten. Zentralbanken und langfristige Anleger bauen Bestände auf, während Hedgefonds und andere Trader Positionen reduzieren oder Gold verkaufen, um Liquidität zu beschaffen.
Genau deshalb lohnt es sich, nicht nur auf den Goldpreis zu schauen, sondern auch darauf, wer gerade handelt – und warum. Die fundamentalen Themen hinter der langfristigen Goldnachfrage, darunter Zentralbankkäufe, Inflation und hohe Staatsschulden, haben sich durch den jüngsten Rutsch unter 4'000 US-Dollar nicht automatisch verändert.