Gold begleitet die Kunst, seit der Mensch begonnen hat, dem Unsichtbaren eine Form zu geben. Kein anderes Material steht derart eindeutig für Wert, Macht und Transzendenz – und kaum eines polarisiert so stark zwischen Ehrfurcht und Übertreibung. Von sakralen Ikonen über den Jugendstil bis zur zeitgenössischen Provokationskunst zieht sich Gold wie ein leuchtender Faden durch die Kunstgeschichte. Doch während es früher vor allem das Göttliche und Erhabene sichtbar machte, wird Gold heute zunehmend hinterfragt, gebrochen und neu interpretiert.
Gold als Ursprung: Das Heilige sichtbar machen
In byzantinischen Mosaiken und mittelalterlichen Ikonen fungierte Gold nicht als blosses Schmuckelement, sondern als eine bewusste Verneinung der irdischen Welt. Der Goldgrund – häufig Blattgold, das auf polimentvergoldetem Untergrund aufgetragen wurde – schuf einen Raum ohne Schatten, ohne Tiefe, ohne physische Gesetze. Gerade diese «Raumlosigkeit» machte Gold zum idealen Medium, um das Übernatürliche sichtbar zu machen: Es ersetzte Respektive durch Gegenwart und wurde so zum Verweis auf die Ewigkeit.

Ikonenmaler verstanden Gold nicht als Farbe, sondern als Lichtsubstanz. Im Glauben der Ostkirche galt das ungebrochene Glitzern des Goldes als Metapher für das «ungeschaffene Licht Gottes» – ein theologisches Konzept, das spätestens seit der hesychastischen Bewegung des 14. Jahrhunderts zentral war. Mosaike wie jene in Ravenna oder der Hagia Sophia standen damit nicht nur für kaiserlichen Prunk, sondern für eine bewusste Verschmelzung von politischer Macht, sakraler Bildsprache und metaphysischer Bedeutung.
Gold bedeutete hier: Unvergänglichkeit, Heiligkeit und kosmische Ordnung. Sein materieller Wert trat hinter seine geistige Funktion zurück. Diese Symbolik wirkt bis in die Moderne fort. Selbst zeitgenössische Künstler, die Gold ironisieren oder dekonstruieren, greifen unweigerlich auf diese kulturelle Tiefenschicht zurück – denn Gold trägt eine Bedeutung in sich, die älter ist als jede Epoche der Kunst.
Gustav Klimt: Gold als Ekstase und Ornament
Kaum ein Künstler des 20. Jahrhunderts wird so selbstverständlich mit Gold assoziiert wie Gustav Klimt. Seine berühmte «Goldene Phase» (ca. 1901-1909) entstand nicht zufällig, sondern aus einer intensiven Auseinandersetzung mit byzantinischen Mosaiken – insbesondere jenen in Ravenna, die Klimt 1903 auf einer Reise mit der Wiener Werkstätte studierte. Doch anstatt die heiligen Goldgründe zu imitieren, transformierte er sie: Er vermischte Blattgold mit Öl- und Temperafarben, kombinierte abstrakte, fast textile Muster mit hochrealistischen Gesichtern und erzielte so einen schillernden Bruch zwischen Ornament und Körperlichkeit.
Werke wie «Der Kuss», «Judith I» oder das Porträt Adele Bloch-Bauer I verbinden Intimität mit Monumentalität. Die Figuren scheinen aus dem Gold herauszuwachsen, zugleich aber darin eingespannt zu sein – eine visuelle Spannung, die bis heute einzigartig wirkt. Klimt verwendete Gold dabei nicht nur als Reminiszenz an sakrale Kunst, sondern als vielschichtiges kulturelles Werkzeug:

Sinnlichkeit und Erotik: Gold betont bei Klimt die Körperlichkeit nicht durch Nacktheit, sondern durch den Kontrast zwischen flächigem Ornament und lebendigem Fleisch.
Macht und Status: Seine goldenen Porträts der Wiener Gesellschaft reflektieren zugleich den Glanz und die bröckelnde Oberfläche der Endzeit der Habsburger Monarchie.
Spirituelle Überhöhung: Gold verleiht den dargestellten Personen eine ikonenhafte, beinahe kultische Ausstrahlung – ein «Sakralraum der Moderne».
Damit wird Gold bei Klimt zu einer Bühne, auf der das Menschliche und das Überzeitliche miteinander ringen. Es hebt das Dargestellte heraus, ohne es zu erklären, und genau in dieser schwebenden Ambivalenz liegt bis heute die grosse Faszination seiner Werke.
Zeitgenössische Kunst: Gold als Spiegel der Gesellschaft
In der Gegenwartskunst hat Gold seine Rolle grundlegend verändert. Es steht heute nicht mehr primär für Transzendenz oder sakrale Autorität, sondern fungiert zunehmend als Kommentar zu Kapitalismus, Konsum, Machtstrukturen und Medienlogik. Künstler nutzen Gold, um den Wertebegriff selbst zu hinterfragen – und damit nicht nur ästhetisch, sondern auch gesellschaftskritisch zu arbeiten.
Einer der einflussreichsten Vertreter dieser Umdeutung ist Damien Hirst, dessen Werk konsequent den Zusammenhang von Materialwert, Marktpreis und symbolischem Kapital blosslegt. Seine Arbeiten greifen bewusst auf kostbare Materialien wie Gold, Platin oder Diamanten zurück und stellen Fragen, die weit über die Oberfläche hinausgehen:
Was bestimmt heute den Wert eines Kunstwerks – das Konzept, das Material oder die Bereitschaft des Marktes zu zahlen?
Kann etwas Heiliges entstehen, wenn das Material selbst als Spekulationsobjekt dient?
Und wie viel verändert sich unsere Wahrnehmung, wenn «Ewigkeit» nicht spirituell gemeint ist, sondern finanziell?

Hirsts ikonischer, mit 8601 Diamanten besetzter Totenschädel «For the Love of God» (2007) ist dafür ein Lehrstück moderner Kunstökonomie. Er verbindet das universelle Memento Mori mit einer fast aggressiven Zurschaustellung von Reichtum. Gold und Edelsteine dienen hier nicht der Erhebung, sondern der Konfrontation: Das Werk wirkt kühl, bewusst spektakulär – und hält einer Kunstwelt den Spiegel vor, in der Marktmechanismen oft stärker glänzen als die Idee dahinter.
So wird Gold in der zeitgenössischen Kunst zu einem ambivalenten Symbol: Es steht gleichzeitig für Wert und Verführung, aber auch für Kritik, Ironie und die Fragilität unserer wirtschaftlichen wie kulturellen Systeme.
Gold als Material und Metapher
Viele zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler arbeiten mit Gold, gerade weil es so widersprüchlich ist. Seine physikalischen Eigenschaften – extreme Duktilität, chemische Stabilität und unveränderlicher Glanz – stehen im Kontrast zu den gesellschaftlichen Projektionen, die wir damit verbinden. Dieses Spannungsfeld macht Gold zu einem der reichsten «sprechenden» Materialien unserer Zeit.
Blattgold wird heute oft bewusst fragil eingesetzt. Künstler wie El Anatsui oder Tara Donovan kombinieren es mit vermeintlich wertlosen Materialien, sodass Gold seine Autorität verliert und stattdessen Zerbrechlichkeit, Verwandlung oder sogar einen sozialen Kommentar sichtbar macht. Andere wiederum arbeiten mit industriell appliziertem Gold, das den traditionellen Handwerksgestus umgeht und damit den Anspruch auf Aura oder Handarbeit ironisiert – ein spielerischer Bruch mit der jahrhundertelangen Kunsttradition, Gold nur in sakralem oder repräsentativem Kontext zu verwenden.

Zugleich nutzen viele Künstler Gold als Oberfläche, die Verführung verspricht, aber inhaltliche Leere offenlegen kann – etwa in Installationen, bei denen der Glanz des Materials im starken Kontrast zu minimalistischem oder bewusst banal wirkendem Inhalt steht. Gold wird damit zur Metapher unserer Gegenwart: für das fragile Gleichgewicht zwischen wahrem Wert und künstlicher Aufwertung, zwischen Beständigkeit und Spekulationsblase, zwischen substanziellem Gehalt und blosser Oberfläche.
Trotz dieser kritischen Brechungen bleibt Gold als Material einzigartig. Es altert nicht, korrodiert nicht, verliert seinen Glanz nicht – Eigenschaften, die seit der Antike genutzt werden, um Aussagen über Unvergänglichkeit, Erinnerung und Dauer zu formulieren. Gerade weil Gold zugleich stabil und symbolisch aufgeladen ist, eignet es sich wie kaum ein anderes Medium dafür, die grossen Fragen unserer Zeit zu reflektieren: Was bleibt? Was glänzt? Und was ist wirklich wertvoll?
Warum Gold Künstler nie loslässt
Ob Ikone, Klimt oder Konzeptkunst: Gold zwingt zur Positionierung. Es lässt keine Gleichgültigkeit zu. Wer Gold verwendet, spricht immer auch über:
Wert und Vergänglichkeit
Macht und Spiritualität
Besitz und Bedeutung
Vielleicht ist es genau das, was Gold in der Kunst so zeitlos macht. Es ist nicht nur Material, sondern Haltung. Nicht nur Oberfläche, sondern Aussage.
Gold bleibt Gold – doch jede Epoche erzählt mit ihm ihre eigene Geschichte. Und genau darin liegt seine grösste künstlerische Kraft.